Funkenlos

Ich warte  am Magdeburger Hauptbahnhof. Es ist drei Wochen her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Der Versuch einer Fernbeziehung. Wie immer ist er zu spät. Fabian ist ein Rohdiamant. Kein Schönling, aber auch nicht unattraktiv. Mit ein bisschen gutem Willen könnte man ihn Mainstream tauglich machen – wenn er das zuließe. Fine Tuning.

Eine halbe Stunde später ist er da. Ich bin beruhigt, dass er noch lebt, denn sein Fahrstil ist sportlich.

Wir steigen in seinen VW Bora. Weißes Veloursleder. Er mag es nicht, wenn ich Bemerkungen über sein Auto mache, die potentiell kritisch sind. „Das hat er nicht verdient“, verteidigte er einmal seinen Wagen, als ich feststellte, dass er sich häufig in der Werkstatt befindet.

Wie immer stehen ihm Schweißperlen auf der Stirn. Ich kenne keinen Mann, der so viel schwitzt. Hyperhidrose. Auf unserer fünfzehn-minütigen Fahrt zu seiner Vertragswerkstatt in einem abgelegenen Industriegebiet erklärt er mir, weshalb er sich verspätet hat. Ein langer Beschwerdemonolog über seine Arbeit. Wie so häufig. Seine Arbeit findet keine Anerkennung. Seine Chefin hat keinen Plan. Und überhaupt verdient er zu wenig Geld. Wäre da nicht sein fünfjähriger Sohn, wäre er längst gegangen. Nach Berlin oder Hamburg. Dorthin, wo Online Marketing Experten nicht nur gesucht, sondern auch bezahlt werden.

Fabian merkt, dass mir die Unterhaltung unangenehm ist. Er streichelt meinen Oberschenkel und gibt mir einen Kuss auf die Schulter. Eine ernüchternde Beziehung. Dabei kennen wir uns erst seit vier Monaten und sehen uns im Schnitt alle zwei Wochen. Die Initiative geht vor allem von mir aus.

Eine kurze Inspektion in seiner Vertragswerkstatt ergibt, dass es sich um ein größeres Problem handelt. Wir müssen warten. Die Gegend ist menschenleer. Ich bin erstaunt darüber, dass sich eine Subway-Filiale in die Magdeburger Peripherie verirrt hat. Aber die KFZ-Mechatroniker müssen schließlich auch etwas essen.

Bei unserem gemeinsamen Subway auf einer Bank im Industriepark verlässt meine Seele meinen Körper und betrachtet uns aus der Vogelperspektive.

Fabian: Breitbeinig, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, den Kopf in das Sandwich vertieft.

Ich: Langsam kauend darauf bedacht, nicht zu kleckern.

Ist das tatsächlich der Mann, mit dem ich die nächsten vierzehn Jahre bis zur Volljährigkeit meiner Tochter eine Beziehung führen werde? Damit ich keine schlechte Mutter bin? Damit ich nicht dem wandelnden Klischee einer emotional unreifen Alleinerziehenden entspreche, die ihrer Tochter jeden Monat einen neuen Vater vorstellt und damit ihre spätere Beziehungsfähigkeit gefährdet?

Ödipale Komplexe. Depressionen. Psychotherapie. Späte Vorwürfe gegenüber der Mutter. Idealisierung des abwesenden Vaters. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Es fühlt sich so an, als wären Fabian und ich schon ewig zusammen. Als wären wir eines Tages aufgewacht und hätten uns plötzlich in einer langjährigen Ehe mit einem Fremden wiedergefunden.

Das Ende unserer Beziehung war schon bei unserem ersten Date absehbar. Als er nach dem Sex den Fernseher einschaltete. Im Nachhinein bin ich überrascht darüber, dass er sich seine Tennissocken vorher ausgezogen hatte. Rückblickend betrachtet nahezu demonstrativ. Als wollte er mir zeigen, zu welch großer Geste er sich verleiten lässt, wenn ihm eine Frau wirklich gefällt. Aber ich war dankbar. Und glücklich. Glücklich über meinen ersten Sex nach zwei Jahren unfreiwilliger Abstinenz.

Ich frage mich, warum er nicht Schluss macht. Seit Monaten leide ich an einer chronischen Blasenentzündung, von der niemand glaubt, dass ich sie habe. Weil nichts nachgewiesen werden kann. Chlamydien kann ich inzwischen ausschließen, ebenso wie jede andere sexuell übertragbare Infektion, die diffuse oder gar keine Symptome hervorruft. Erleichtert bin ich nicht.

Ich versuche, meine Zweifel an unserem Verhältnis zum Ausdruck zu bringen und sage Fabian, dass man sich zu Beginn einer Beziehung normalerweise von seiner besten Seite zeigt und ich mich nun frage, ob er dies gerade täte und ich im weiteren Verlauf etwas Schlimmeres zu erwarten hätte, oder ob bei uns bereits der „Normalfall“ eingetreten sei und ich mir über eine Verschlechterung des Zustands keine Gedanken machen müsse. Diplomatisch war das nicht. Aber anscheinend auch nicht offen genug, um ihn die Beziehung beenden zu lassen.

Er schaut für einen kurzen Moment von seinem Subway auf und erklärt mir –  nicht ganz ohne Pathos in seiner Stimme – „I don’t pretend to be anything. What you see is what you get.“

Das macht er häufig. Beiläufig Englisch reden. Fabian ist mit Hip Hop groß geworden und hat früher gerappt. Semiprofessionell. Während seine Worte ganz natürlich kommen, verrät sein Blick Hilflosigkeit. Wie ein kleiner Junge, der an seine Mutter appelliert, ihn in die Arme zu nehmen und ihn so zu lieben wie er ist. Bedingungslos.

Ich habe die Message verstanden. Schlimmer würde es nicht mehr werden. Aber besser auch nicht. Fabian ist kompromisslos authentisch. Er knüllt das Sandwichpapier zusammen und verschwindet zum Pinkeln im Gebüsch. Ich fühle mich einsam.

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